Im Schnitt trainiere ich etwa 1300 Stunden im Jahr.
Lesen Sie nachfolgend das Interview mit Ueli Steck.
My Way
Ihr nächstes Ziel ist eine Hochrisikozone auf 8000 Metern, die Südwestwand des Shisha Pangma in Nepal, wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Ueli Steck
Ich habe vor allem meine Fitness trainiert. Das ist ein entscheidender Faktor, damit so ein Vorhaben gelingt. Auf der anderen Seite habe ich mich auch mental vorbereitet. Der andere Faktor, der entscheidend ist, ist das Wetter vor Ort. Wenn die Schneeverhältnisse nicht passen, nützt auch die beste Vorbereitung nichts.
My way
Wie sieht so ein Trainingstag bei Ihnen aus?
Ueli Steck
Es gibt nicht sowas wie einen Trainingstag. Im Moment habe ich mich sehr stark auf die Ausdauer konzentriert. Mal sind es intensive, mal weniger intensive Wochen. Im Schnitt trainiere ich etwa 1300 Stunden im Jahr.

My way
Die Südwestwand wurde 1982 erstmals von Doug Scott bestiegen. Sie wählen jedoch eine andere, noch nie gewählte Route. Wie studieren und planen Sie einen solchen Aufstieg, wenn Sie sich nicht auf Erfahrungswerte anderer stützen können?
Ueli Steck
Ich schaue mir Bilder an. Ganz genau kann man das im Vorfeld nicht sagen, wenn da noch niemand war. Am Ende muss ich einfach flexibel sein und mich anpassen. Das ist auch die ganze Herausforderung am Ganzen.
My way
Gibt es immer ein „Immer weiterkommen?“ oder entscheiden sie in der Wand, wie es weitergeht, wenn Sie das Gefühl haben, keinen Weg zu finden?
Ueli Steck
Man hat mal die Wand und das ist die Linie. Ob ich da jetzt zwei Meter links oder rechts klettere, entscheide ich beim Klettern. So flexibel muss ich sein. Natürlich schaue ich das auch im Vorfeld an. In der Wand selber ist es wichtig, dass man die Übersicht behält.
My way
Geben Sie sich ein persönliches Zeitlimit, basierend auf Ihren Erfahrungen?
Ueli Steck
Mein Ziel ist, dass ich die Linie klettern kann. Wie lange es dauert, sehe ich ja dann. Aber der Faktor Zeit ist sicher entscheidend bei so einem Aufstieg. Das Problem auf einer Höhe von 8000 m ist, dass man sich nicht mehr erholt, je länger man oben ist. Man ist sofort limitiert. Das ist für jeden Körper genau gleich. Im Himalaja geht es aber auch darum, die Schwierigkeit zu meistern. Ob ich einen oder zwei Tage dafür brauche, spielt nicht so eine Rolle.
My way
Etwas, das sich viele fragen: Wie kommen Sie eigentlich wieder vom Berg runter? In dieser Höhe fliegen keine Hubschrauber.
Ueli Steck
Beim Bergsteigen gehts ums Bergsteigen und deshalb geh ich zu Fuss wieder runter. Ausser beim Fotografieren oder beim Filmen. Das ist etwas anders.
My way
Sie klettern meistens ungesichert. Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Leben an zwei Eispickeln hängt?
Ueli Steck
Ich mache nur Sachen, von denen ich 100% überzeugt bin, dass ich sie kann. Die Chance, dass ich runterfalle, ist relativ klein. Aber was heisst gefährlich? Wenn ich einen Fehler mache und den Griff loslasse, dann falle ich runter. Gefährlich sind für mich nur Gefahren, die ich nicht erkenne oder die versteckt sind. Beim Klettern ist es offensichtlich. Damit kann ich umgehen und darauf kann ich mich vorbereiten. Eigentlich kann da nicht viel passieren.
My way
Ja, aber es gibt ja immer wieder Situationen, in denen man kurz daneben tritt oder kurz abrutscht.
Ueli Steck
Nein, das macht man nicht.
My way
Also, jeder Schlag und jeder Tritt ist immer gesichert?

Ueli Steck
Wenn ich den Pickel nicht gut einschlage, dann bin ich einfach tot. Und ich will nicht sterben. Es gibt nur einen Weg, aus dieser Situation rauszukommen und das ist, den Pickel gut einzuschlagen. Das ist das Interessante am Ganzen. Dadurch, dass man diesen Druck hat, und dass man mit diesem Druck umgehen kann, wird man extrem leistungsfähig. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie eine Arbeit haben und Sie haben noch viel Zeit, dann sind Sie ineffizient beim Arbeiten. Irgendwann wächst der der Druck. Man weiss, man muss die Arbeit abliefern. Aber man weiss auch, dass die Zeit eigentlich nicht reicht. Dadurch, dass man diesen Druck hat, wird man extrem effizient. Das ist eigentlich ein wenig das gleiche. Einfach anders ausgedrückt.
My way
Jetzt haben Sie bereits den Gasherbrum in Pakistan und den Makalu in Nepal erfolgreich bestiegen. Nach dem Shisha Pangma gäbe es noch weitere elf Achttausender. Ist das ein persönliches Ziel von Ihnen?
Ueli Steck
Nein, ich bin kein Gipfelsammler. Mir gehts um die einzelnen Herausforderungen an diesen Bergen. Alle 8000er besteigen, das hat rein alpinistisch gesehen keine neue Dimension. Das haben schon viele gemacht.
My way
Ja, aber in Ihrer Disziplin wäre das ja an und für sich schon ein Novum.
Ueli Steck
Wie meinen Sie das?
My way
Sie haben ja eine andere Art des Bergsteigens, so wie man das als Aussenstehender sieht.
Ueli Steck
Ich bin vielleicht etwas schneller als die anderen, aber…
My way
Ja, das meine ich auch…
Ueli Steck
Es ist für mich nicht unbedingt ein Novum, sondern eher eine Weiterentwicklung des Ganzen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das etwas Wahnsinniges ist, wenn man etwas schneller ist als die andern. Ich möchte meine Geschwindigkeit dahingehend ausnützen, dass ich als erster irgendwo sein kann, wo ein anderer gar nicht hinkommt, weil er einfach zu müde wird auf 8000 m.



